Russische Literatur 9./10. Jahrhundert

Die russische Literatur findet ihre Anfänge im 9./10. Jahrhundert. Das altkirchslavische Schriftentum prägte zu dieser Zeit das Bewusstsein der russischen Literatur. Die totalitäre Kirche kontrollierte und produzierte nach theologischen Bedürfnissen und Funktionen die Kleriker- und Mönchsliteratur. Infolgedessen waren die grundlegenden Merkmale des mittelalterlichen Literaturtyps der orthodoxen Slaven, Lesungen aus Altem-, Neuem Testament, Hymnenmaterial und kirchenrechtliche Texte, wie Apokalypse, Visionen, Evangelien, Apostelgeschichten, Briefe, Viten und Predigten. Die Literatur mit ihren nicht vorherrschenden geistlichen Funktionen ist im Vergleich zu entwickelten byzantinischen Profanliteratur dem Umfang nach schmal. Die Literatur bleibt auch in den sechs folgenden Jahrhunderten Bestandteil eines theologischen Universums, in dem übersetzte Texte dominieren, die im Wesentlichen Bedürfnisse der Liturgie¹ erfüllen.

Erst im 17. Jahrhundert, ausgelöst durch eine Rezeption der übersetzten Literatur, wird eine Reihe neuer Literaturen eines bis dahin unbekanntes Genres adaptiert, Versdichtung und Schuldrama, Volksbücher, Novellen und Sammlungen humoristisch-satirischer Literatur. Dies implizierte ein neues Denken und manifestierte eine neue Literaturepoche, nämlich die Neuzeit. Zwischen den Texten des mittelalterlichen Kanons und den Manifestationen eines neuzeitlichen Literaturbegriffs „Barock“ bestand im 17. Jahrhundert ein differenziertes Verhältnis. Die Kirche verlor ihren Einfluss an die neue literarischen Kultur, das Bewusstsein bestand nun nicht mehr allein aus geistlichen Versdichtungen, sondern die Autoren passionierten sich für die Politik und Gesellschaft bis weit ins 17. Jahrhundert. Sozial-kritische Fragen, pädagogische Intentionen, sowie Bildung und Wissen wurden in den neuen Dichtungen verarbeitet. Die Autoren bedienten sich der Bildsprache, die Satiriker entdeckten die Beobachtungsgabe und den Sinn für das konkrete Detail. Die wuchernde Bildsprache, die die Nähe zum Barockstil nicht verkennen lässt, war Russlands Eintritt in die europäische Literatur. Gegen Ende der Petrinischen² Epoche, Ende des 17. Jahrhundert, verlor der Barockstil seine Vorherrschaft. Was nun in der Literatur stattfand, war ein Kulturimport im großen Stil aus dem Westen. Die Petrinische Kulturrevolution war der Auslöser und zugleich der Anschluss an  die westlichen Autoren. Nun begann die Zeit des Klassizismus, der Literatur des Neuen Russlands.

Das Nachahmen bedeutender Vorbilder war nahe liegend. Eigenständigkeit war damit keineswegs ausgeschlossen, man unterschied eher zwischen einem Plagiat und einem schöpferischen Nachahmen. Sicherlich kam es im Einzelfall vor, dass sich selbst in Russland der Vorwurf verbreitete, manche Autoren erstellen nur Plagiate. Doch dies waren die indirekten Schritte zur eigenen Literatur. Infolgedessen wurde die westeuropäischen Gattungen, Formen, Texte, Ideen, Begriffe und Motive nach Russland übertragen und gerieten damit in eine neuen Umgebung. Ein Kontextwechsel fand statt, die Bedeutung und Funktion des Übernommenen veränderte sich oft in grundlegender Weise. Aus dieser Sicht erschien der russische Klassizismus nicht nur als eine mehr oder weniger verzerrte Wiederholung der westeuropäischen Vorbilder, sondern er gewinnt an eigenständiger Bedeutung.

 
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